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September 2026

 

Der Elfenschmuck

Vor langer, langer Zeit lebte in einer prächtigen Stadt am Fusse der Kristallberge eine wunderschöne Prinzessin namens Crystalbelle. Ihr Antlitz war so rein und weiss wie eine Lilie, ihre Augen tief wie das Meer und ihr rabenschwarzes langes Haar umspielte ihre Schultern in dunkel glänzenden Locken. Die Prinzessin war aber nicht nur sehr schön, sondern auch gütig und freundlich. Sie sorgte sich um die Bewohner ihres Landes. Hörte sie, dass eine Familie durch Krankheit oder Armut in Not war, so rief sie gleich ihre Diener, damit sie die Fmilie besuchten und Nahrungsmittel und Arznei brachten.

So wurde die Prinzessin wegen ihrer Schönheit und Güte von den Bewohnern des Landes ebenso geliebt wie von den Höflingen im Schloss, und die Prinzessin hatte viele Freunde unter den Menschen. Aber sie war auch mit den Elfen befreundet.

Die Elfen der Kristallberge hatten Prinzessin Crystalbelle lieber gewonnen als sonst ein menschliches Wesen. Ob in den abgelegenen Tälern oder in den verborgnen Wäldern, immer waren sie auf der Suche nach etwas Besonderem, das sie der Prinzessin zeigen könnten. Prinzessin Crystalbelle liebte Ueberraschungen, und gerne brachten die Elfen ihr kleine Gaben. Doch mussten sie sich anstrengen, etwas Ungewöhnliches zu finden, denn  die Prinzessin besass schon fast alles auf der Welt.

„Meint ihr, Prinzessin Crystalbelle würde der Anblick dieses seltenen Schmetterlings gefallen?“, fragen die Elfen einander. Und die Prinzessin klatschte in die Hände vor Entzücken über die schönen Farben auf seinen Flügeln. Als die Elfen ihn wieder freiliessen, schaute die Prinzessin ihm lange nach, wie er über den Schlossgarten davongaukelte.

„Meint ihr, Prinzessin Crystalbelle würden diese köstlichen reifen Früchte schmecken?“, überlegten die Elfen. Und kaum hatte die Prinzessin von einer der süssen Früchte gekostet, lachte sie vor Wohlbehagen und bot auch ihren Kammerjungfern davon an.

„Meint ihr, Prinzessin Crystalbelle würde gerne der Stimme dieses seltenen Vogels lauschen?“, rätselten die Elfen. Und die Prinzessin sass ganz still, bezaubert von den reinen Tönen. „Sein Gesang ist ja schöner als das Spiel der Hofmusiker“, rief die Prinzessin. Von den Elfen lernte sie den Vogel zu zähmen, und so kam er jeden Morgen an ihr Fenster geflogen und weckte sie mit seinem Lied.

Eines Tages reif die Prinzessin alle Elfen zusammen. Sie hatte eine aufregende Neuigkeit, und sie sollten sie als erste hören, noch ehe sonst jemand im Lande davon erfuhr.

„Bald gibt es eine Hochzeit!“, erzählte sie den Elfen. „Ich werde den Prinzen von den fernen Inseln jenseits des Meeres heiraten. Mein Hochzeitskleid wird gewirkt aus den sanften Strahlen weissen Mondlichts, eingefasst von rosigen Wölkchen der Morgendämmerung. An den Füssen werde ich Pantöffelchen aus Sternenglanz tragen. Meine Hochzeit wird die prächtigste, die man je sah, - aber ach, ihr Lieben! Womit soll ich nur mein Haar schmücken? Bitte ihr Elfen, ich brauche eure Hilfe. Fällt euch etwas ein?“

Die Elfen sahen die Prinzessin an und dann wieder einander. Was war wohl schön genug, Prinzessins Crystalbelles Haar zur Hochzeit zu zieren?

„Ich hab’s!“, rief eine der Elfen. „Du musst Blumen tragen!“

„O ja!“, rief Prinzessin Crystalbelle aus. „Natürlich! Blumen sind genau der richtige Haarschmuck an meine Hochzeitstag!“

Da flogen die Elfen in alle Himmelsrichtungen, um Blumen zu holen. Einige sammelten Rosen, rosa und rot, gelb und weiss. Manche pflückten wilde Lilien, so blass und schön wie die Prinzessin selbst. Andere fanden blühende Zweige von Jasmin mit seinem vollen, schweren Duft. Und sie kamen zurück mit Armen voll der schönsten und wohlriechendsten Blüten und legten sie der Prinzessin zu Füssen.
“Nimm meine Rosen“, sagte eine der Elfen. „Schau, wie sie glühen in deinem Haar!“
“Nimm meine Lilien“, rief eine andere Elfe. „Schau, sie gleichen deinen lieblichen Wangen!“

„Nimm meinen Jasmin“, bat eine dritte, „er hüllt dich ganz in Wolken von Duft!“

„Oh du liebe Güte“, seufzte Prinzessin Crystalbelle, hob all die Rosen, Lilien und Jasminblüten hoch. Jede der Blüten war wunderschön in ihren schwarzen Locken, und die Wahl fiel ihr sehr schwer. Richtig, die Rosen glühten in ihrem Haar. Ihr Gesicht war wirklich liliengleich. Und wahrhaftig, der Jasmin umhüllte sie mit duft. So lange konnte sie sich nicht entscheiden, dass die Blumen zuletzt welkten und vergingen.

Die Elfen schauten die Prinzessin und dann wieder einander an. „Ach, was soll ich nur machen?“, weinte die Prinzessin.

„So geht es nicht“, sagten die Elfen. „Wir müssen etwas finden, das nicht dahinwelkt wie die Blumen.“ Sie setzten sich in einem Kreis zusammen und überlegten, was sonst das Haar der Prinzessin zur Hochzeit schmücken könnte, aber keine kam auf eine Idee. Doch dann, als schon alle schier verzweifeln wollten, blickten drei der Elfen gleichzeitig hoch, lächelten sich an und sagten zueinander: „Ja, wir wissen’s!“

Und auf ging’s, hinweg über die Gärten beim Schloss und hinauf zu den Gipfeln der Kristallberge. Durch strahlend klare Lüfte schwebten sie und landeten schliesslich dort, wo die Kristalle am allerreinsten schimmerten. Da hielt jede sorgfältig Umschau. Als sie sich dann einig waren, welches der beste, der glänzendste, der funkelndste Kristall sei, schlug jede ein kleines Bröckchen davon los. Sie bargen die Stücke fest in den Händen und nickten einander zu.

„Ich kenne eine Meerjungfrau, die wird mir helfen!“, rief die erste Elfe.

„Meine Freunde die Waldwichtel wissen, was zu tun ist!“, sagte die zweite Elfe.

„Ich frage meine Freunde, die Feuergnome!“, erklärte die dritte Elfe, und schon flogen sie jede in ihre Richtung davon.

Die erste Elfe trug ihren Stein hinunter zum Meeresstrand. Nahe dem Ufer lebte in einer tiefen, vom Spiel der Fluten ausgehöhlten Grotte ihre gute Freundin, die Meerjungfrau. „Meerjungfrau, Meerjungfrau!“ rief die Elfe, noch im Fluge. Und durch die blauen Wasser kam die Meerjungfrau empor und liess sich auf einem Felsen nieder, dort wo die Elfe auf dem Sand stand. „Hier ist ein Stückchen vom Gipfel der Kristallberge. Bitte, trag es für mich hinunter und tauche es in den tiefsten Meeresgrund.“

Da nahm die Meerjungfrau den Stein und tauchte hinab in die tiefsten Meeresgründe. Hinunter schwamm sie, vorbei an Fischen und Felsengrotten, an Muschelbänken und Ungeheuern, immer noch tiefer hinunter in das Dunkel blauer Fluten. Wusste doch die Meerjungfrau genau wie die Elfen, dass alles, was man hinabträgt zum tiefsten Meeresgrund, gewandelt wird. Es nimmt etwas vom Wesen der See in sich hinein und bleibt auf ewig verwandelt. Als die Meerjungfrau zurückkehrte zur Elfe am Strand, hielt sie ihr den Kristall entgegen.

„Schau!“, rief die Meerjungfrau, und beide sahen sogleich; der Kristall war verwandelt! Tiefblau wie das Meer, schimmernd und glänzend im Sonnenlicht: der erste Saphir!

Unterdessen war die zweite Elfe mit ihrem Kristallstück zum Rande des grossen grünen Waldes geflogen. Dort lebten zwischen den Wurzeln und Höhlungen der Bäume ihre Freunde, die Waldwichtel.

„Waldwichtel! Waldwichtel!“, rief die Elfe. Und die Waldwichtel lugten aus dem tiefgrünen Unterholz hervor und hüpften ihr entgegen.
“Hier ist ein Stückchen vom Gipfel der Kristallberge“, sagte die Elfe. „Bitte nehmt es für mich mit in die tiefsten Waldesgründe.“ Da trugen die Waldwichtel den Stein in die tiefsten Gründe des Waldes, die verborgenen grünen Pfade entlang, durch dunkles Dickicht und Zweiggeflecht, noch tiefer hindurch bis zum grünen Herzen des Waldes. Wüssten doch die Waldwichtel genau wie die Elfe, dass alles, was man in die tiefsten Waldgründe trägt, gewandelt wird. Es nimmt etwas vom Wesen des Waldes in sich hinein und bleibt auf ewig verwandelt. Als die Waldwichtel zur Elfe zurückkehrten, hielten sie den Kristall hoch.
“Schau!“, riefen die Waldwichtel, und jeder sah sogleich: der Kristall war verwandelt! Tiefgrün wie die Bäume des Waldes, schimmernd und glänzend im Sonnenlicht: der erste Smaragd

Als die dritte der Elfen die Spitze des Kristallgebirges verliess, flog sie mit ihrem Bröckchen zu einem anderen Berg. In seinen Klüften, versteckt in Gängen und Höhlen, lebten ihre Freunde, die Feuergnome.

„Feuergnome! Feuergnome!“, rief die Elfe. Und die Feuergnome trippelten ihre tiefen Gänge entlang und spähten aus nach ihr. „Hier ist ein Stückchen vom Gipfel der Kristallberge“, sagte die Elfe. „Bitte, nahmt es für mich mit in die tiefsten Tiefen eures Berges.“

Da trugen die Feuergnome den Stein in die tiefsten Tiefen ihres Berges. Die finstersten Tunnel entlang, die tiefsten Schächte hinab, durch die Feuer im Innern des Berges. Die Feuergnome wussten ebenso wie die Elfe, dass alles, was jemand in die tiefsten Tiefen des Berges trägt, in den Feuern, die dort lodern, gewandelt wird. Es nimmt etwas vom Wesen des Feuers in sich hinein und bleibt auf ewig verwandelt. Als die Gnome zur wartenden Elfe zurückkehrten, hielten sie ihr den Kristall entgegen.
“Schau!“, riefen sie, und jede sah es sogleich: der Kristall war verwandelt! Tiefrot wie im Herzen des Feuers, schimmernd und glänzend im Sonnenlicht: der erste Rubin.

Die drei Elfen flogen zur Prinzessin Crystalbelle. Sie legten ihr die prächtigen Edelsteine zu Füssen, und alle staunten über die wundervollen Farben, mit denen die Juwelen in der Sonne funkelten.

Die Prinzessin schlug die Hände zusammen. „Sind die schön!“, rief sie beglückt. „Der hier sieht aus wie das Blau des Meeres, dieser so grün wie der Wald, und der rote glänzt wie das Herz eines Feuers. Aber – o je! – welchen soll ich nur nehmen?“

Der Reihe nach hielt sie jedes Juwel hoch, und jedes blitzte und strahlte aus ihrem prächtigen Haar. „Ich kann mich nicht entscheiden“, sage Prinzessin Crystalbelle, nachdem sie im Spiegel wohl hundertmal die Juwelen in ihrem Haar betrachtet hatte. Da meinte sie schliesslich, sie werde alle drei tragen, und die Elfen hielten sie ihr alle zusammen ins Haar, damit sie sie gemeinsam anschauen könne.

Die Prinzessin drehte und wendete den Kopf und betrachtete ihr Spiegelbild. „O weh!“, rief sie, „es tut mir schrecklich leid, aber zusammen gefallen mir die Edelsteine nicht. Was soll ich nur tun? Was kann ich nur zur Hochzeit im Haar tragen?“

Da blickten die Elfen einander ganz bestürzt an. Keine konnte sich etwas Schöneres vorstellen, als den Saphir, den Smaragd und den Rubin. Unterdessen hatte ein sehr kleiner Elf still in einem Winkel gesessen, nichts gesagt und nur nachgedacht. Nun trat er vor und stand vor der Prinzessen. „Gib mir die Juwelen, ich weiss, was zu tun ist!“, sagte er, sammelte die Steine auf und flog davon, über die Zinnen des Schlosses und die Gipfel der Kristallberge hinweg, hinauf in den vom Dunst ziehender Wolken gedämpften Sonnenschein.

„Sonnenelfen, Sonnenelfen!“, rief er lauf, „Prinzessin Crystalbelle braucht eure Hilfe. Nehmt diese Steine und schmelzt sie in eurem Sonnenofen. Schmelzt sie so, dass ihr Blau, Grün und rot fliessend sich mischen. Dann legt einen Schleier von Nebel und Wolkendunst über die Farben, sodass Blau und Grün und Rot hindurchschimmern. Dann wird dieses Juwel so schön sein, dass es wert ist, der Prinzessin zur Hochzeit das Haar zu zieren.“

Und genau das taten die Sonnenelfen: Sie verschmolzen die drei funkelnden Juwelen, den Saphir, den Smaragd und den Rubin, zu einem einzigen grossen Stein, der noch schöner war als jeder einzelne von ihnen, und über ihm lag ein Wolkenschleier, den die Farben durchflammten: der erste Opal.

Der kleine Elf hob sich den Stein auf die Arme. Er flog den Berghang hinab, schwebte über den Zinnen des Schlosses und legte Prinzessin Crystalbelle den Opal zu Füssen. Die Prinzessin staunte über den herrlichen Edelstein und meinte in ihrem ganzen Leben noch nie etwas so Schönes gesehen zu haben.

„Schaut nur, hier ist das Blau des Meeres“, rief sie, „und ich kann das Tiefgrün der Wälder ebenso sehen, wie das Rot im Herzen des Feuers. Vor allem aber sind die Farben zart und gedämpft, als schienen sie durch einen Wolkenschleier.“

Am Tage ihrer Hochzeit mit dem Prinzen von den Fernen Inseln jenseits des Meeres trug sie den grossen Opal im glänzend-schwarzen Haar. Keine Prinzessin war jemals scöner anzuschauen als Prinzessin Crystalbelle an diesem Tag.

Die Bewohner ihres Landes feierten voller Freude ihre Hochzeit, noch froher aber waren die Elfen, denn sie hatten gemeinsam etwas gefunden, was das Haar der Prinzessin schmücken konnte. Ihr Leben lang hütete Prinzessin Crystalbelle den Opal als ihren liebsten Edelsteinschatz. Sie erzählte ihren Kindern, wie der Opal entstanden war und als es an der Zeit war, durfte ihre älteste Tochter ihn bei ihrer Hochzeit tragen. Die aber machte es genauso mit ihrer ältesten Tochter, und so wanderte der Opal, dessen Schönheit mit den Jahren wuchs, von einer Generation zur nächsten. Und bis auf den heutigen Tag bewundert man die gedämpfte Schönheit des Opals oft mehr als die lebhaften Farben von Saphir, Smaragd und Rubin.

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Märchen aus England