Monatsimpuls


November 2026

Der Gratzug

Wunderbar und überaus mannigfaltig sind die Sagen von jener unabsehbar langen Heereszügen wandelnder Verstorbener, die zu bestimmten Zeiten, in den Quatembernächten, auf bestimmten Wegen, „Totengänge“ genannt, rastlos und in fliegender Hast Talgründe und Höhenzüge durcheilen. Am Allerseelentag, so sagt man in Savièse, kommen sie aus den Gletschern in die bewohnten Dörfer herab und bleiben da unten bis zum Hilari-Seelentag im Jänner, wo sie wieder zu ihren kalten Eisfirnen ins Gebirge hinaufsteigen.

Viele haben diese armen Seelen gesehen, die spielend und singend, lachend und weinend und unter gedämpftem Musikgetön die Nacht durchwandern, bis die Stunde der Erlösung geschlagen.

Da ziehen sie in den Kleidern einher, in denen man sie zu Grabe getragen, oder aber ganz in Weiss, bisweilen auch in seltsamen alten Trachten, häufiger aber noch in dem Gewande, das zu ihrem Troste den Armen oder dem Wächter ausgeteilt worden ist. Man will Verstorbene erblickt haben, denen bald dieses, bald jenes Kleidungsstück fehlte. So musste einer barfuss laufen, dafür aber zwei Röcke mit sich schleppen, weil statt der Schuhe ein Tschopen gegeben worden war, und ein Weib trug als Kopfbedeckung gar einen Ballen Anken, weil die Hinterlassenen an Stelle des Hutes Butter verschenkt hatten. In Visperterminen wurde ein Toter gesehen, der dem Zug der armen Seelen keuchend und schweisstriefend folgte, weil er das lose weisse Bruderschaftskleid, an dem der Gürtel fehlte, immerfort mit den Händen emporhalten musste. Der lebende Zuschauer fragte den Wandler, warum er sich so quälen müsse, und bekam zur Antwort, man habe vergessen, der leichte den Kleidergürtel umzubinden. Deshalb sei er nun am Gehen gehindert. Voll Mittleid reichte der Visperterminer dem Toten sein Halstuch und half es ihm um den Leib schlagen. Dankend eilte der Verstorbene davon mit der Bemerkung, er müsse noch über neunundneunzig Friedhöfe, bis er die Vorausgegangenen einholen könne.

In Ulrichen hat ein gutes altes Mütterchen schon oft die Totenschar neben ihrem Haus vorbeiziehen hören und jedes Mal bemerkt, wie eine arme Seele, die eng in Leinwand eingeschnürt war, dem Zuge nur mit Mühe zu folgen vermochte. Voll Erbarmen stellte sie sich in einer Nacht zur gewöhnlichen Zeit an die Hausecke, um die Ärmste anzureden und nach dem Grund ihres Zurückbleibens zu fragen. Diese gab ihr zur Antwort:

„I mag nit gah, und d’Naht git nit nah.“

Flink holt das herzhafte Weib die Schere und löste den Faden. Zum Lohne durfte sie sich eine Gnade ausbitten. Als sie aber im Augenblick nicht recht wusste, was sie verlangen sollte, gewährte die Tote ihrer Familie stets Glück mit einfärbigen braunen Kühen und all ihren Nachkommen eine gute, helle Singstimme.

Die Totengänge beschreibt das Walliser Volk ganz genau. Durchwegs verlegt es sie in die Hochalpen. Einer der bekanntesten ist der Tschingelweg, der durch neunundneunzig Alpstaffel führt. Wer da, wo die Geisterwege sich kreuzen, zu mitternächtlichen Stunde sich aufstellt, erhält aus dem jenseitigen Reiche übernatürliche Kenntnisse und Fähigkeiten, der kann dann mehr als Brot essen.
Wer aber von ungefähr durch den Gratzug überrascht wird oder in den Zug einer Totenprozession hineingerät, dem ergeht es übel. Er fällt in schwere, langwierige Krankheit und wird of zum Krüppel. Zum mindestens erhält er den „Totenkuss“, schmerzhafte Hautausschläge und Eiterbeulen; das Volk sagt dann, er sei in die „Winda“ gekommen.

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Arnold Büchli, Schweizer Sagen